Digital und nicht allein Teil II – Was unterscheidet das virtuelle Unterrichten vom Unterrichten im Präsenzunterricht?

Bei allen Unterschieden zwischen dem Unterrichten im virtuellen Raum und dem im Klassenzimmer gibt es doch viele Gemeinsamkeiten, insbesondere was die Didaktik angeht. So beinhalten didaktischen Modelle die Fragen, die im Vorfeld jeder Unterrichtsplanung gestellt werden sollten:

  • Was sind die Vorgaben (Bildungsplan, Lehrplan)?
  • Welche spezifischen Voraussetzungen bringen die Lernenden mit (individuelles Wissen, Interessen, Fertigkeiten, Bedürfnisse)?
  • Welche Inhalte sollen vermittelt werden?
  • Welche Bedeutung, welche Relevanz besitzen die Inhalte?
  • Was sind die Rahmenbedingungen (technische Ausstattung, die der Lehrperson sowie die der Lernenden; welches Learning-Management-System steht zur Verfügung, z. B. Moodle, etc.)?

Aus der Analyse der Vorüberlegungen werden die Kompetenz- und Lernziele für die virtuelle Lehr-Lern-Sequenz abgeleitet, anschließend Methoden und Medien, mit denen die Lernziele am besten erreicht werden können, ausgewählt.

Gerade was die Methoden und Medien angeht, bietet der virtuelle Unterricht große Chancen. Online-Ressourcen und Kanäle, die unterschiedlichen Lernertypen entgegenkommen (Text, Video, Podcast u.a.m.), können bequem integriert werden, die Kommunikation und Interaktion der Lehrperson mit den Lernenden und diese untereinander vielfältig gestaltet und über die Grenzen der eigentlichen Lehr-Lern-Sequenz hinaus erweitert werden. Während einer Online-Präsentation in Moodle mithilfe des Videokonferenzsystems BigBlueButton beispielsweise können Umfragen nach kurzen Lehrsequenzen schnell eingebunden („Haben das alle verstanden?“, Fragen zu fachlichen Inhalten), Break-Out-Räume für Gruppenarbeiten eingerichtet und im Chat Fragen der Lernenden gesammelt werden.

Bestimmte Unterrichtskonzepte erlangen im virtuellen Unterricht neue Bedeutsamkeit, um nur einige zu nennen:

Direkte Instruktion: Informationen und Inhalte können über eine Präsentation effizient vermittelt werden. Die Lehrperson erklärt, leitet schüleraktive Phasen ein und sorgt über Scaffolding (gestufte Lernhilfen) für notwendige Unterstützung einzelner Lernender.

Selbstgesteuertes Lernen (SOL): Im virtuellen Unterricht werden die Selbstregulations- und Selbststeuerungskompetenzen der Lernenden vorausgesetzt und gefördert. Das dem SOL-Unterricht nach Herold/Landherr immanente Sandwichprinzip (Wechsel zwischen Phasen der Instruktion, Einzelarbeit und Phasen der Kooperation) erweist sich geeignete Struktur, die Lernprozesse der Lernenden zu organisieren.

Das Kooperative Lernen ersetzt ein wenig den fehlenden sozialen Austausch in der Klasse (ich gebe beispielsweise immer etwas mehr Zeit für die Gruppenarbeit in den Break-Out-Räumen), die Möglichkeit der Lernenden selbst auszuwählen, ob sie in Partner- oder Gruppenarbeit arbeiten möchten und mit wem, sorgt für zusätzliche Motivation.

Entdeckendes Lernen z. B. im Rahmen von kleinen oder größeren Projekten kann gerade im virtuellen Unterricht das ihm innewohnen Potential entfalten. Hier können Lernende die ganze Bandbreite der im Internet zur Verfügung stehenden Informationsressourcen nutzen, um spannenden Fragestellungen nachzugehen, um diese aufzubereiten und anschließend in der virtuellen Lernumgebung z. B. über ein Videokonferenzsystem allen zu präsentieren.

In gleicher Weise wie im Präsenzunterricht gilt es, die Tiefenstrukturen von Unterricht zu beachten:

Klassenführung: Stringente Zielführung, Einführung und Beachtung von Regeln („Alle eingeloggt, aber Mikro aus, nur wer etwas sagen möchte, schaltet es ein.“), wertschätzende Kommunikation aller Beteiligten untereinander, Verbindlichkeit hinsichtlich der Bearbeitung der Aufgabenstellungen (Abgabefristen, Form der einzureichenden bearbeiteten Arbeitsaufträge, Bewertung u. a.m.).

Kognitive Aktivierung:  Herausfordernde Aufgaben und Lernsituationen anbieten.

Konstruktive Unterstützung: Hilfestellung bei Problemen und Verständnisschwierigkeiten jederzeit anbieten.

Unterschiedliche Möglichkeiten der Leistungsrückmeldung bzw. der Bewertung sind ebenfalls in einem Learning-Management-System integriert und die Lehrperson kann auswählen, ob Punkte/Noten und/oder ein individuelles Feedback gegeben werden. Insbesondere die individuellen Rückmeldungen kommen bei den Lernenden gut an, da diese die Wertschätzung der Lehrperson für die einzelnen Beiträge ausdrückt. Rückmeldungen können natürlich auch über andere Kanäle wie E-Mail oder Messenger-Dienst gegeben werden.

So weit zu den Gemeinsamkeiten, was sind die Unterschiede?

Damit Lernende erfolgreich virtuell lernen, benötigen Lehrperson in hohem Maße die Fähigkeit, über verschiedene Kommunikationskanäle mit den Lernenden zu kommunizieren und die Kommunikation der Lernenden untereinander anzuregen. Je stärker Lernende in den virtuellen Unterricht eingebunden werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Lernziele erreichen. Für Lehrpersonen mit guten Online-Kommunikationsfähigkeiten stehen die Lernenden im Mittelpunkt, sie kennen die individuellen Lernausgangslagen, können Lernwege für ihre Schülerinnen und Schüler aufzeigen, indem sie unterschiedliches Material zur Verfügung stellen und sie aktivieren. Sie nutzen dabei die ganze Bandbreite an Kommunikationskanälen effektiv und halten oder suchen den Kontakt zu Schülerinnen und Schülern, die im virtuellen Unterricht drohen, verloren zu gehen. Dabei haben Videokonferenz-Systeme, mit deren Hilfe sich die Lehrperson und die Lernenden sehen können, eine wichtige Funktion. Sie können Nähe vermitteln, die Lehrperson kann vor dem virtuellen Unterricht alle Schülerinnen und Schüler einzeln begrüßen, wenn diese sich einloggen, sich Zeit für Fragen zum Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler nehmen, fragen zum Privatleben stellen („Was gibt es heute zum Mittagessen bei euch?“). Manche Lehrpersonen berichten, dass sie ihre Schüler seit der Zeit des Online-Unterrichtens besser kennen als zuvor im Präsenzunterricht.

Der virtuelle Lernraum ermöglicht die Aufgabenbearbeitung jederzeit, von jedem Ort aus. Damit die Motivation der Lernenden erhalten bleibt, sollten Rückmeldungen zu eingereichten Arbeitsaufträgen möglichst zeitnah gegeben werden unter Berücksichtigung der Feedback-Regeln (Feedback zur Aufgabe, zum Lernprozess und zur Selbstregulation).

Im virtuellen Unterricht müssen Lernende mehr Verantwortung für ihren Lernprozess übernehmen als im Präsenzunterricht, daher gilt es, sie immer wieder zu aktivieren und einzubinden: Kleine Aktivitäten einbauen, die die Lernenden allein oder in Gruppen ausführen, Umfragen mit verschiedenen Tools (Kahoot, Socrative, Oncoo u. a.) einbinden, den Austausch der Lernenden untereinander anregen – es braucht mehr Aufforderung zur Kommunikation als im Präsenzunterricht.

Wenn all dies gelingt, kann virtueller Unterricht für Lehrende und Lernende zu einer wertvollen Lernerfahrung werden, die eventuell über Corona-Zeiten hinaus, weiterhin und zusätzlich praktiziert wird. Insbesondere für die beruflichen Schulen können den Präsenzunterricht begleitende Learning-Management-Systeme wie Moodle die Grenzen des Klassenzimmers erweitern und dem Bedarf und den Bedürfnissen einer heterogenen Schülerschaft besser entgegenkommen als ein reiner Präsenzunterricht.

Für weitere Informationen zu virtuellem Lehren und Lernen siehe auch:

Blended Learning an berufsbildenden Schulen:

file:///C:/Users/kraef/AppData/Local/Temp/BLBERUFSSCHULEN-2.pdf

Didaktische Überlegungen zum Online-Unterricht:

https://www.lernentrotzcorona.ch/Lernentrotzcorona/DidaktischeUeberlegungen#Suchen_Sie_nach_projektartigen_Arbeitsauftr_228gen

Sammlung nützlicher Links zum Thema:

https://sembska.de/moodle/pluginfile.php/81543/mod_resource/content/1/SchuBa-Band-WeiterfuhrendeLinksammlung-20-05-22.pdf

Digitale Medien im Lehr-Lernkontext der Universität Tübingen:

https://vitruv.uni-tuebingen.de/ilias3/goto.php?target=wiki_6687_Digitale_Medien_im_Lehr-Lernkontext

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