Apprenticeship of observation – Was macht Lehrerbildung so besonders?

von Professor Jürgen Seifried:

Der Ausdruck “Apprenticeship of observation” (der Begriff geht auf Dan C. Lortie, einem Professor für Erziehungswissenschaft an der University of Chicago, zurück, der dieses Konzept in seinem Buch „Schoolteacher: A Sociological Study” aus dem Jahr 1975 beschreibt) ist vielleicht nicht sonderlich geläufig, aber er beschreibt ein wichtiges Phänomen, das das Leben einer Lehrerbildnerin/eines Lehrerbildners nicht leichter macht. Es geht darum, dass Lehramtsstudierende bis zur Aufnahme ihres Studiums bereits zwölf oder dreizehn Jahre lang Unterricht beobachten konnten und aufgrund dieser umfangreichen Erfahrungen mit Schule und Unterricht ein verfestigtes Bild zu Fragen der Unterrichtsgestaltung mitbringen. Dies hat die Lehrerbildung exklusiv – andere Berufsbilder sind Berufsanfängern weit weniger geläufig. Oder welche Studienanfängerin/welcher Studienanfänger weiß schon, wie genau der Arbeitsalltag eines Kfz-Mechatronikers, eines Maschinenbauingenieurs oder einer Versicherungsmathematikerin aussieht?

Die Vorerfahrungen von angehenden Lehrkräften (Novizen) beeinflussen in hohem Maße, wie diese als Lehrkräfte später selbst unterrichten. Sie sind auch eine wichtige Quelle von Überzeugungsmustern oder so genannten subjektiven Theorien zum Lehren und Lernen. Studierende, aber auch Lehrkräfte beispielsweise lehnen (unterbewusst) Unterrichtsmethoden ab, weil sie selbst während der eigenen Schulzeit schlechte Erfahrungen damit gemacht haben. Oder sie befürworten Ansätze, die sie selbst als nutzbringend erleben konnten. Entsprechende Überlegungen schlagen sich dann in der Unterrichtsplanung und -gestaltung nieder. Pessimisten befürchten hier, dass die Vorerfahrungen eher konservative Verfahren und Methoden begünstigen. Dies ist durchaus plausibel und zeigt sich auch in Untersuchungen zur Unterrichtsplanung. Hier gehen die Studierenden lieber auf Nummer sicher, wählen die weniger „riskante“ Unterrichtsvariante und zeigen generell eine lediglich gering ausgeprägte experimentelle Haltung (obwohl sie beispielsweise im Rahmen von Schulpraktika in einem Schonraum operieren, alles Denkbare ohne größeres Risiko ausprobieren können und dazu auch von allen Seiten ermutigt werden). In einem Überblick über Studien zur Unterrichtsplanung von Lehramtsstudierenden von Claudia Gassmann (2013: „Erlebte Aufgabenschwierigkeit bei der Unterrichtsplanung: Eine qualitativ-inhaltsanalytische Studie zu den Praktikumsphasen der universitären Lehrerbildung“) wird herausgehoben, dass das Planungsverhalten von Planungsanfängern „sich in mehrfacher Hinsicht als problematisch“ erweise, da ein methodisch „äußerst konventioneller Unterricht angebahnt“ werde, „dessen Planung vermutlich aus Gründen des im Schulkontext oftmals vorherrschenden Zeitdrucks zudem noch veränderungsresistent“ sei und letztlich zu nur wenig effektivem Unterricht führe(Gassmann, 2013, Seite 117).

Eine zentrale Frage für die Lehrerbildung ist daher, wie die Vorerfahrungen der Studierenden konstruktiv aufgegriffen und um wissenschaftliche Erkenntnisse (zumindest) angereichert werden können. Das hier propagierte Ziel ist es, ähnlich wie in der Medizin, zu einem evidenzbasierten Handeln zu kommen. Damit ist gemeint, dass sich Lehrkräfte bei ihren Entscheidungen deutlich stärker als bisher von wissenschaftlichen Erkenntnissen leiten lassen. Dieses Unterfangen ist löblich, stößt aber auch schnell an seine Grenzen bzw. setzt Folgendes voraus:

  • Die interessierenden Bereiche müssen hinreichend gut beforscht sein, und die Forschungsergebnisse müssen aktuell und in gewisser Weise auch replizierbar und generalisierbar sein.
  • Der aktuelle Stand der Forschung muss gut aufbereitet und Interessierten zugänglich sein. Zu diesem Zweck wurde vor geraumer Zeit an der Technischen Universität München nach internationalem Vorbild (in den USA gibt es beispielsweise solch eine Einrichtung schon länger: The What Works Clearinghouse, https://ies.ed.gov/ncee/wwc/) für den MINT-Unterricht ein so genanntes Clearing House eingerichtet (https://www.clearinghouse.edu.tum.de/). Hier werden Forschungsergebnisse zu Themen wie Forschendes Lernen, Lernen in Gruppen, Selbstreguliertes Lernen oder Lernen mit digitalen Medien so aufbereitet, dass sie einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich werden.
  • Die Forschung muss mehr liefern als Erkenntnisse im Stile von „Unterricht mit einem hohen Niveau an kognitiver Aktivierung ist besser als Unterricht mit einem geringen Niveau an kognitiver Aktivierung“. Entsprechende Erkenntnisse sind für die Unterrichtspraxis zunächst einmal nur bedingt nützlich und müssen für die jeweiligen Unterrichtsgegenstände mit Leben gefüllt werden. Für Lehrkräfte von zentraler Bedeutung ist doch insbesondere die Frage, mit welchen Maßnahmen Lernende z.B. im Mathematik- oder Wirtschaftslehreunterricht kognitiv aktiviert werden können. Hier bedarf es einer starken fachdidaktischen Forschung.
  • (Angehenden) Lehrkräften müssen bereit sein, sich mit dem aktuellen Stand der Forschung auseinanderzusetzen und Forschungsergebnisse auf den eigenen Unterrichtsgegenstand übertragen.
  • Schließlich gilt es für Lehrkräfte, sich mit den eigenen subjektiven Theorien kritisch auseinanderzusetzen und diese zumindest um wissenschaftlicher Erkenntnisse anzureichern (oder falls notwendig: diese auch komplett zu modifizieren).

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